kk-gruppe berlin

Vortrag und Diskussion
Referent: Freerk Huisken

Jugendgewalt in Deutschland

Der Staat macht sich stark gegen seine Früchtchen. Ein Lehrstück über befugte und unbefugte Gewalt.

Einem natürlich wieder völlig fassungslosen Fernsehpublikum wird in Endlos-Schleifen die U-Bahn-Affäre aus München vorgeführt: Zwei jugendliche Ausländer zeigen einem pensionierten nichtrauchenden Studienrat, der das Recht auf seiner Seite weiß, dass sie rauchen, wo sie wollen, und sich von den „Scheiß-Deutschen“ keine Vorschriften machen lassen. Der Rentner überlebt, die Jugendlichen erfahren, dass ihre unterirdische Demonstration von Macht nichts ist im Vergleich mit der Macht der Staatsgewalt, die sich ihrer annimmt.
Die Öffentlichkeit, angeleitet durch Wahlkämpfer Koch aus Hessen, stürzt sich auf das Thema. Und wie: Schluss mit der 68-Kuschelpädagogik und sozialem Problematisieren. Hier hilft nur noch Wegsperren, militärischer Drill und Ausweisen. „Kurzer Prozess“ gehört sich mit diesen Rechtsbrechern mit und ohne „Migrationshintergrund“ gemacht. Wer nicht hören will, muss fühlen; und das schnell, dauerhaft und gnadenlos. Darin sind sich alle politischen Parteien einig; wenigstens die, die sich nur noch über die Frage in die Wolle kriegen, ob das vorhandene (Jugend-)Strafrecht dafür ausreicht oder ob es verschärft werden muss.
Gedanken über Art und Grund der Verwahrlosung von in- und ausländischen Kids – Fehlanzeige. Dass dieser schlägernde minderjährige Nachwuchs zumeist aus der „Unterschicht“ kommt, dass er ohne Abschluss aus der Schulpflicht entlassen wird und seine Lebensperspektive folglich zwischen wechselnden Teilzeitjobs und Hartz IV angesiedelt ist, wird dabei gar nicht verschwiegen. Einen gesellschaftlichen Grund will darin aber niemand sehen. Eher schon ein Versagen haftbar machen – von Familien, Erziehern, Jugendämtern und Richtern, denen insgesamt mangelnde Härte vorgehalten und damit Schuld am Rabaukentum zugeschrieben wird.
Natürlich lässt sich damit gut Wahlkampf machen. Wenn der Bürger mit der Ankündigung zugedröhnt wird, dass die „Innere Sicherheit“ seiner Heimat, also – wie er unerschütterlich annimmt – seine in Gefahr ist, und dass dagegen mit der ganzen Härte von Knast und Kasernierungserziehung vorgegangen werden muss, dann weiß er, worum er sich Sorgen zu machen hat – und eben auch, welche Sorgen angesichts dieser integrationsunwilligen Schläger sofort zu verblassen haben. Aber für den Wahlkampf erfunden ist der Stoff nicht. Wer immer größere Teile der Jugend vom Reichtum der Gesellschaft ausschließt und als Ausschuss ausgrenzt, darf sich nicht wundern, dass die sich um Grenzen der Gesellschaft nicht scheren. Der Handlungsbedarf für den starken Staat – „Deutschland gehört auch in der U-Bahn verteidigt!“ (Gauweiler) – ist chronisch.