kk-gruppe berlin

Vortrag und Diskussion
Referent: Theo Wentzke

Die Moral – das gute Gewissen der Klassengesellschaft im Kapitalismus

Dass es der Welt an Moral fehle, meint eigentlich ein jeder.

  • Randalierende Fußballfans, die mit nationalistischen Parolen auf „gegnerische“ Fußballfans und die Polizei losgehen,
  • amerikanische Gefängniswärter in Abu Ghraib,
  • Lokführer, die von der Firmenspitze mehr fordern, als der „maßvolle“ Tarifvertrag der DGB-Gewerkschaft mit der Deutschen Bahn zulässt,
  • Manager, die mit Massenentlassungen den shareholder value ihrer Firmen und ihre Bonuszahlungen steigern,
  • bestens versorgte Politiker, die dem gemeinen Mann die Rente zusammenstreichen,
  • Doppelverdiener, die keine Kinder machen,
  • Wissenschaftler, die sich bei ihren Experimenten nicht an die Auflagen der Ethikkommission halten –

lauter Dokumente des umfassenden Mangels an Gemeinsinn, Pflichtgefühl, Menschlichkeit. In diesem versagen fast alle Mitmenschen vor den Maßstäben des Guten, haben die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft die fertige, stets abrufbare und auf alles anwendbare Erklärung für die sozialen und zwischenmenschlichen Ekelhaftigkeiten, die sie erleben müssen. Wären nur alle so tugendhaft und verantwortlich, wie sie sollten, wäre die Welt in Ordnung, und jeder bekäme, was ihm zusteht.
Dass es ihm selbst an Moral fehlt, meint eigentlich kaum jemand. Man hält sich ja an die Gesetze, zahlt Steuern, tut in Beruf und Familie seine Pflicht, übt Rücksicht auf Andere, engagiert sich manchmal sogar für die Umwelt und spendet für die Armen. Eigen- und Fremdeinschätzung weichen da ziemlich voneinander ab. Ein jeder sieht sich von Egoisten, Abzockern, Lumpen umgeben und kennt vor allem einen Rechtschaffenen: sich.
Das ist nur eine der selbstgerechten Dummheiten des moralischen Bewusstseins, von dem die Rede sein wird. Mit diesem Bewusstsein verstehen sich die Menschen als – wertvolle – Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft und sehen sich zum Wächter über das korrekte Betragen ihrer Mitmenschen berufen. Das selbst bringt jede Menge Feindseligkeit unter die Leute.
Unsere These:

Die Welt krankt keineswegs an zu wenig Moral; eher schon an zu viel davon. Das moralische Denken ist das größte Hindernis für eine objektive Beurteilung der Gesellschaft, der es entspringt, und der eigenen und fremden Interessen, die sie erzwingt.

Der Vortrag soll den Zusammenhang von Recht, Gerechtigkeit, Moral, Gewissen und Heuchelei erläutern.