kk-gruppe berlin

Vortrag und Diskussion
Referent: Manfred Freiling

Das neue Zeitalter des Hungers?

Weltweit steigende Lebensmittelpreise, wachsende Nahrungsmittelprobleme, drohende Hungeraufstände:

„Das neue Zeitalter des Hungers?“

Wie Agrargeschäft und Versorgungsnöte zusammengehören und wie sie politisch betreut werden – ein Lehrstück in Sachen Reichtum und Armut im globalen Kapitalismus

Merkwürdig ist die plötzliche Aufregung über den Aufschwung des Elends in Sachen Welternährung schon. Ganz neu ist es nämlich nicht, dass für weite Bevölkerungskreise in allen möglichen Weltregionen Hunger und Versorgungsnöte zum Alltag gehören. Und auch der gewisse, mit dem Lebensmittelpreis verbundene Gegensatz, an dem sich die aktuelle Entrüstung festmacht, ist nicht im Jahre 2008 in die Welt gekommen: Mit der Bezahlung ihres Essens tun sich Millionen von Statisten der globalen Marktwirtschaft schon seit längerem schwer.
An Hungerkatastrophen als festem Bestandteil des internationalen Geschäftslebens und die Verwaltung des Elends mittels politischer Hungerhilfe und privater Mildtätigkeit hat sich die Welt irgendwie längst gewöhnt. Heute rührt die Aufregung denn auch seltener aus den humanitären Einwänden gegen die elementare Not, die mit den globalisierten Agrarmärkten ja keineswegs verschwunden ist, sondern wächst:

  • Die Klagen über steigende Preise landen ziemlich umstandslos bei Bedenken, dass die notwendigen Lebensmittel (von anderen Gütern ganz zu schweigen!) inzwischen für Bevölkerungskreise unerschwinglich werden, die bisher nicht zu den notorischen Adressaten der Hungerhilfe aus den reichen Ländern zählten. Kaum nimmt man die Not in den Blick, tritt zur Feststellung eines dramatischen gewachsenen Ausmaßes die Sorge um störende Auswirkungen:
  • Gefahr für die Stabilität vieler Drittweltländer wird beschworen. Weniger der Hunger, den die Leute haben, als das Problem, das wütende Hungerleider machen könnten, ist der Skandal: Der Gehorsam der Untertanen und die staatliche Ordnung bei ‚unseren’ Südfrüchtelieferanten und Agrarexportmärkten steht auf der Kippe! Sind unsere Geschäfte auf dem Weltagrarmarkt bedroht? Ist der reibungslose Nachschub an Nahrungsmitteln gewährleistet, die mittlerweile sogar als ‚strategische Rohstoffe’ gelten?
  • Daneben klagt man über steigende Kosten, die eine Dauerbetreuung der Hungerregionen verursacht. Der Aufwand, Folgen abzumildern und im Zaum zu halten, übersteigt die paar Milliarden Euros oder Dollars, die sich unsere zivilisierten Weltbetreuer diese schäbigste Abteilung ihrer globalen Verantwortung kosten lassen wollen. Der massenhafte Hunger, der nicht auf die ‚3. Welt’ begrenzt bleibt, kann die Metropolen des kapitalistischen Weltmarktes teuer zu stehen kommen. Untragbar!

Merkwürdig auch, was da an Gründen für die neue ‚Bedrohung’ ausfindig gemacht wird. Am weltweiten Agrargeschäft, am Geld, das mit den Lebensbedürfnissen der unterschiedlich zahlungsfähigen Weltbevölkerung verdient wird, soll es jedenfalls nicht liegen. Eher schon an einem Missverhältnis, das die segensreichen Leistungen von Markt und Preisen verfälscht hat:

  • Angebot und Nachfrage sind leider auseinander getreten. Zu viele wollen da zuviel an Konsum: Chinesen wollen und können sich heutzutage mehr leisten – also wird es für andere knapp und teuer. Dass wachsender zahlungsfähiger Bedarf mit steigenden Preisen ausgenutzt wird und ein Mehrkonsum der einen andere mit weniger Geld ins Elend stürzt: Das gilt nicht als Skandal, sondern bestenfalls als unliebsame Konsequenz eines Marktmechanismus, der die Versorgung auf dem Globus eigentlich zufriedenstellend regeln müsste – wenn man eben nicht fälschlich eingreift oder Fehlentwicklungen passieren.
  • Es wird heute leider zuviel Agrarproduktion für die Bedürfnisse von USA und anderen Staaten an erneuerbaren Energien umgewidmet. Dass dieser Bedarf geschäftlich unschlagbar ist und die Lebensmittel der Bevölkerung ganzer Länder mit einem Schlag unbezahlbar macht: Auch das zählt nicht als Einwand gegen die Rechenweise, nach der die Ernährungsbedürfnisse der Massen als mehr oder minder einträgliche Bereicherungsquelle kalkuliert werden; das wird abgebucht unter bedauerlichen Fehlern eines an sich lobenswerten energiepolitischen Umsteuerungswillens.
  • Die Landwirtschaftsexporte aus den Ländern, die zu den reichen Industrienationen zählen, ruinieren die lokale Lebensmittelproduktion in den armen Rohstoff- und Agrarländern, heißt es. Beides gilt als behebbares Versäumnis einer westlichen Entwicklungspolitik, die sich mehr darum zu kümmern hätte, dass vor Ort für die Armutsbevölkerung mehr Essbares produziert und eine heimische Landwirtschaft erhalten würde – selbstverständlich ohne die Rolle dieser Staaten als agrarische Monokulturen und Rohstofflieferanten für die Bedürfnisse der maßgeblichen Weltmarktnationen zu beschädigen.

Soviel steht fest und ist den öffentlichen Auskünften über Preissteigerungen und deren störende Wirkungen durchaus zu entnehmen: Worüber da mit humanitären Klagen, ordnungspolitischen Sorgenfalten und politökonomischen Schuldzuweisungen verhandelt wird, ist des Ergebnis eines von Multis betriebenen und den wichtigen Nationen bewachten Weltagrarmarkts, auf dem kapitalkräftige Lebensmittel- und Rohstoffkonzerne den wachsenden Kalorienbedarf eines rapide wachsenden chinesischen und indischen Staatsvolks, den Hunger der großen Kapitalnationen nach Biosprit und Agrarrohstoffen für ihre Industrie, die Ernährungsnöte afrikanischer Elendsfiguren und was es sonst noch für Bedarf an solchen Gütern gibt, gleichermaßen als mehr oder weniger lukrative Geschäftsgelegenheiten behandeln. Das Ergebnis fällt denkbar einsinnig aus. Mit dem Reichtum auf der einen Seite wächst offensichtlich das unmittelbare Elend eines wachsenden Teils der Weltbevölkerung auf der anderen.
So soll man das allerdings keinesfalls sehen. Die Grundrechenarten des Weltmarkts kommen auch dort nicht in Verruf, wo die wachsende Not von Haiti über Ägypten bis sonst wo verhandelt und im Namen von Hungerleidern Alarm geschlagen wird. Stattdessen plädieren die Zuständigen und ihre Kommentatoren dafür, die Mechanismen des Weltmarkts, die Institutionen des Weltgeschäfts und bessere Aufsicht über die globale Konkurrenz seien die einzig geeigneten Hebel, die Versorgungsfragen angemessen und nachhaltig zu lösen, die sie selber auf die Tagesordnung bringen. Reiche und mächtige Nationen müssten ihre Zuständigkeit nur ordentlich wahrnehmen, das Angebot auf dem Weltmarkt steigern, die Biospritumstellung verlangsamen, für gerechtere Exportpolitik und/oder mehr Marktfreiheit sorgen, vielleicht noch die Spekulation auf Mais- und Weizenkontrakte eindämmen: Dann wären diese ‚Störungen’ zu beheben. Am Ende rechnen sie noch die Elendsfiguren aus Afrika, Südamerika & Asien ideell reich; für die würde sich jetzt glatt das agrarische Produzieren wieder lohnen, wenn die hiesigen die Drittwelt-Staaten nur zu mehr Eigenanstrengung anhielten…
Gegen den aktuellen Zynismus, ausgerechnet den freien Weltmarkt mit der Beseitigung des Hungers zu beauftragen, den er ebenso systematisch wie flächendeckend hervorbringt, will die Veranstaltung einige Erläuterungen zur Diskussion stellen:

  • Wie die modernen Versorgungsnöte und kapitalistisches Agrargeschäft zusammengehören.
  • Wie das Elend von den reichen und mächtigen Nationen politisch betreut, also aufrechterhalten wird.
  • Wie der „Nahrungsmittelspatriotismus“ in die Konkurrenz der Staaten zurückkehrt.